Das Bibliotheksprojekt

Die fertige Schulbibliothek Fünf Monate dauerte unser Partnerschaftsaufenthalt in Chanka - genug Zeit, um der Schule zu einer kleinen Bibliothek und damit dem Ort zu einem kleinen Bildungs- und Prestigezuwachs zu verhelfen, um den uns unsere Partner gebeten haben. Der Nutzen eines solchen Gebäudes liegt auf der Hand: Da sich die Schüler der 10. Klasse in Äthiopien einer national einheitlichen Abschlussprüfung unterziehen, benötigen sie Übungsbücher und Fragenkataloge, die sie sich allein in den meisten Fällen nicht leisten können. In einer Schulbibliothek können auch ärmere Schüler, aber auch Lehrer ihre schulischen und beruflichen Chancen verbessern. Geplant wurde ein Gebäude, groß genug, um neben Bücherregalen auch eine 90-köpfige Schulklasse in einer Freistunde zu beherbergen und einen kleinen Vorbereitungsraum für Lehrer zu fassen.

Uns war neben der Erfüllung praktischer Wünsche unserer Partner außerdem wichtig, bei der Bauweise nicht auf die traditionelle Art mit Holzpfählen, die mit Lehm und Gras verschmiert werden, zurückzugreifen. Da Holz nicht nur zum Bauen, sondern auch zum Feuer machen gebraucht wird und zudem anfällig für den Befall durch Termiten ist, lag es nahe, sich nach einer kostengünstigen Alternative umzusehen, denn auch das Budget für den Bau war knapp. Schließlich sind wir nicht als koloniale Entwicklungshelfer mit vollen Taschen angereist, sondern wollten durch die gemeinsame Arbeit mehr von dem Leben unserer Partner verstehen. Fündig wurden wir im etwa 70 Kilometer entfernten Challiya, wo in einem Ausbildungsprojekt das traditionelle Lehm-Gras-Material in Blocks gepresst wird. Diese sogenannten Mudblocks werden dann auf europäische Weise mit Lehmmörtel vermauert. Holz wird lediglich für den vor Termiten weitestgehend sicheren Dachstuhl benötigt. Das Material, Lehmboden, Gras und Wasser, liegt praktisch überall kostenlos herum.

Nach wochenlangen Überlegungen und Vorarbeiten auf dem Gelände (es galt, das Land zu ebnen, Sträucher und Gras auszureißen, die Position des Gebäudes festzulegen, die Finanzierung zu klären, Material zu beschaffen und vieles mehr) konnten wir endlich mit der Arbeit beginnen. Zusammen mit einem Ausbilder aus Challiya und vier jungen Menschen aus der Kirchengemeinde machten wir uns ans Werk, hoben eine Lehmgrube aus, setzten Lehm-Stroh-Brei an, der eine Woche lang gären muss und begannen allmählich mit der Produktion der Blocks. Inzwischen war bereits der erste Monat unseres Aufenthalt ins Land gegangen und die Menschen waren sehr skeptisch, ob unser Projekt Erfolg haben würde. Keiner konnte sich vorstellen, dass aus den in der Sonne trocknenden Blocks ohne Holz später ein stabiles Gebäude werden sollte. Trotzdem wurden uns von der Kommune mehr oder weniger regelmäßig helfende Hände zur Verfügung gestellt, die beim Ziehen der Fundamentgräben oder beim Ausheben der Lehmgrube behilflich sein sollten. Doch nicht nur die Skepsis der Menschen, auch streunende Ziegen, die über die noch weichen Blocks stiegen, fehlendes Wasser, plötzliche Regengüsse oder die Erntezeit, die für alle Menschen dort existenziell wichtig ist, verzögerten das Vorankommen. Hartnäckig redeten wir auf Arbeiter ein oder machten beim Bürgermeister Druck, aber wir mussten lernen: Arbeit mit den Händen und auch noch im Dreck ist in dieser Gegend nur sozial niedrigsten Schichten zuzumuten, egal wie gewinnbringend das Ergebnis für die Allgemeinheit oder gar für die eigenen Kinder auch sei.

Hoch war daher die Belastung der Arbeiter, die in sengender Sonne einer nicht sehr angesehenen Beschäftigung nachgingen. Umso größer war die Freude, als endlich das Fundament von geübten Maurern gelegt war und die ersten von 5000 mühsam hergestellten Blocks vermauert wurden. Plötzlich begannen sich auch wieder mehr Menschen für den Bau zu interessieren. Die Tag für Tag höher in die Welt ragenden schnurgeraden Wände der Bibliothek zogen viele Besucher an, die manchmal sogar freiwillig ein paar Handschläge mit uns erledigten. Nach vielen Wochen und Monaten voller Höhen und Tiefen war es dann so weit: ein Dachdecker wurde beauftragt, mit den Auszubildenden den Dachstuhl zu fertigen. Während mit immer mehr Hochdruck immer mehr Menschen an dem Bau arbeiteten, hatten wir noch eine andere Aufgabe zu erledigen: Die Schule musste einen Antrag auf Fördermittel an die Deutsche Botschaft in Addis Abeba stellen, um die Bibliothek später mit Regalen, Tischen, Bänken und vor allem mit Bücher füllen zu können. Noch hatten wir wenige Tage in Chanka und auch wenn wir das fertige Gebäude nicht mehr einweihen konnten: Richtfest wurde festlich mit vielen Menschen und bis weit in einen fröhlichen Abend hinein gefeiert. Von den Auszubildenden und den Langzeitarbeitern erhielten wir ein besonderes Abschiedsgeschenk: Sie wollen gemeinsam weiterhin mit Mudblocks bauen und dafür sogar eine Kooperative in Leben rufen. Mit den erworbenen Fähigkeiten und der - hoffentlich - steigenden Nachfrage nach Alternativen zu teuren Zementbauten können sie in Chanka und Umgebung Aufträge finden.

Inzwischen ist die Bibliothek fertiggestellt und vollständig mit Inventar und Büchern ausgestattet. Sie tut ihren Dienst für rund 800 Schüler der Mittelschule in Chanka.

Zurück zur Projektübersicht...