Reise nach Chanka 2009
Auf der staubigen Straße in der Bezirksstadt Dembidollo begegnen wir einem Mann,
der sich nur auf Knien fortbewegen kann. Er hat sich Säcke darunter gebunden.
Seine Füße sind unförmig geschwollen. Über die Hände hat er Sandalen gestreift.
Als wir vorüber gegangen sind, hält er inne und schaut uns nach. Ich gehe zurück,
hocke mich neben ihn und begrüße ihn mit den Floskeln, die wir inzwischen gelernt haben.
Die gehen, anders als bei uns, dreimal, viermal hin und zurück. So kommt man sich
ein bisschen näher, auch wenn man keine gemeinsame Sprache spricht. Ich gebe dem Mann
ein bisschen Geld. Darüber freut er sich. Dann verabschieden wir uns.
Begegnungen wie diese haben wir während unserer Reise nach Äthiopien an jedem Tag.
Zu viert sind wir Anfang März für zweieinhalb Wochen ins Land gereist, um unsere
Partnergemeinde in Chanka zu besuchen und um das AIDS-Waisenprojekt in Augenschein
zu nehmen.
Wir sind mit Frau Beshatu verabredet. Die von der Kirche angestellte Sozialarbeiterin
betreut die Familien, die AIDS-Waisen adoptiert haben. Mit ihr zusammen wollen wir
einige dieser Familien besuchen. So kommen wir zu Jabesa Bekele. Der junge Mann ist
Lehrer, der sich nach dem Tod der Eltern um seine vier jüngeren Geschwister kümmert.
Als wir ihn vor fünf Jahren kennenlernten, war er noch Student. Jetzt sind seine beiden
jüngsten Schwestern 9 und 11 Jahre alt, während sein Bruder schon eine Ausbildung im
Gesundheitswesen begonnen hat und die dritte Schwester studiert. Jabesa sagt, er habe
seine ganze Jugend seinen Geschwistern gewidmet. Heiraten und eine eigene Familie
gründen will er erst, wenn auch die jüngsten Schwestern auf eigenen Füßen stehen.
Auf die Frage, wie er als Lehrer den Waisenkindern unter seinen Schülern begegne,
antwortet er bewegt. Es komme ihm vor, als seien auch sie seine Geschwister und er wende
ihnen sein Herz zu.
Ein paar Fotos zum Schluss und eine herzliche Verabschiedung. Ein junger Mann hat es
offenbar geschafft, seinen jüngeren Geschwistern zwar nicht die Eltern zu ersetzen,
ihnen aber auf dem Weg ins Leben Halt und Stütze zu sein. Er sagt, wie wichtig dabei
die finanzielle Unterstützung aus Berlin sei.
Eine völlig andere Situation begegnet uns beim nächsten Besuch. Wir kommen in die Hütte
eines sehr armen Mannes, der krank auf seinem Lager liegt. Er ist HIV positiv.
Er bekommt, wie alle anderen armen Patienten auch, die antiretroviralen Medikamente
umsonst. „Sonst wäre ich schon längst gestorben”, sagt er. Diese Medikamente heilen die
Krankheit zwar nicht, gestatten es aber, mit ihr zu leben. Es ist insbesondere den
Bemühungen von Kofi Anan, dem damaligen UNO-Generalsekretär, zu verdanken, dass die
Vereinten Nationen 2001 einen Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Malaria und Tbc
eingerichtet haben. Mit Geld aus diesem Fonds geben die äthiopischen Behörden den
AIDS-Patienten die lebensrettenden Medikamente kostenlos.
Der Mann, der da in seiner Hütte liegt, kann nicht arbeiten. Wie soll er sich und seine
Familie ernähren? Also hilft Frau Beshatu mit unserem Geld nicht nur Kindern, deren
Eltern gestorben sind, sondern auch AIDS-kranken Eltern, damit sie ihren Kindern
möglichst lange erhalten bleiben. Dazu ist außer den Medikamenten auch eine ausreichende
Ernährung lebenswichtig.
Wir bekommen bei diesem und den folgenden Besuchen einen Eindruck davon, wie arm die
Menschen trotz der empfangenen Hilfe sind. Es gibt weder Arbeitslosengeld, noch
Sozialhilfe, noch Rente oder Sozialversicherung. Die kostenlosen AIDS-Medikamente
sind die einzige Ausnahme. Alle anderen medizinischen Leistungen müssen von den
Betroffenen selbst getragen werden.
Frau Beshatu versucht mit Umsicht und großem Einfühlungsvermögen die begrenzten Mittel
an die jeweils Bedürftigen zu verteilen.
Sie fragt auch nicht nach Religionszugehörigkeit. In Chanka besuchen wir unter anderem
zwei muslimische Familien, die unterstützt werden. Eine von ihnen ist Sara Hussein.
Sie ist 39 Jahre alt und liegt krank im Bett. Auch sie ist HIV positiv.
Ihre drei Kinder sind 12, 14 und 17 Jahre alt. Im Krankenhaus hat sie von der
Möglichkeit erfahren, Hilfe aus Berlin zu bekommen.
Tayana Gissa ist blind. Sie betreut ihre drei Enkel, deren Vater schon vor langer Zeit
gestorben ist und deren Mutter im vorigen Jahr starb. Der 12-jährige Gemechu ist gerade
zu Hause und erzählt uns, dass er in der 7. Klasse ist, Lehrer werden möchte und der
Großmutter hilft. Er kauft auf dem Markt ein, sammelt Feuerholz, hält das Haus sauber.
Die Besuche in den Hütten sind beides: erschreckend und zugleich eine Brücke zu Menschen,
die unter so schweren äußeren Bedingungen ihr Leben meistern. In der Begegnung,
im Gespräch mit ihnen, entsteht eine erste Beziehung. Wir sind sehr dankbar, dass wir
in Frau Beshatu, aber auch in den Gemeindemitgliedern in Chanka Partner haben, die
die Allerärmsten kennen, an ihnen nicht vorbeigehen, sondern um sie bemüht sind -
indem sie ihnen helfen und/oder Hilfe organisieren.
Mit solchen Menschen zusammen diese Besuche machen zu können, ist eine angemessene
Weise uns der harten Herausforderung zu stellen. Vor der Not nicht wegzulaufen,
sondern auf die Notleidenden zuzugehen - das hilft ihnen und auch uns. Wir sind
sehr motiviert heimgekehrt: Die Hilfe muss weitergehen! Wenn möglich, in verstärktem
Umfang.